Muslimische Seelsorge am Lebensende
Herr Begovic, welche Bedeutung hat das Sterben im Islam?
Das Sterben ist ein natürlicher Prozess und gleichzeitig ist es die einzige Sicherheit, die wir im Leben haben. Im Islam verstehen wir das Sterben als Übergang in eine andere Dimension. Es ist die Rückkehr zu Gott. So heisst in der ersten Primärquelle des Islam, dem Koran: «Wir sind von Gott und zu Gott kehren wir zurück.» Das ist die theologische Erklärung, aber es gibt natürlich auch die soziale, die menschliche Dimension: Die Erfahrung des Abschieds.
Wie werden die letzten Lebenstage und Stunden religiös eingeordnet?
Die letzten Lebenstage sind die Vorbereitung auf die anstehende Reise der Seele. Dies ist die Zeit des Abschiednehmens und der Besinnung. Vielleicht auch ein Moment des Bewusstseins, dass jeder beim letzten Schritt auf sich allein gestellt ist. Es ist wichtig, dass die nahen Personen um einen sind, aber den Schritt selbst muss jeder allein gehen. Die letzte Phase beinhaltet entscheidende Stunden für die und den, der geht, aber auch für jene, die bleiben. Sie müssen jetzt dem Sterbenden zeigen, dass sie für ihn da sind. Ich sehe in meiner Arbeit als Seelsorger immer wieder, wie Menschen, die in den letzten Stunden nicht dabei sein können, nachträglich leiden. Sie fühlen eine Schuld auf sich. Deshalb ist die Sterbephase für beide Seiten wichtig.
Was gibt dem Sterbenden Halt?
Die spirituelle Dimension ist im Sterbeprozess zentral. Als Seelsorger muss ich herausspüren, was das Richtige ist für die Betroffenen. Ist es eine Koranrezitation? Wenn der Koran rezitiert wird, ist das eine Art Gesang, eine ruhige Stimme mit Gottes Wort, das kann sehr wohltuend sein. Man muss als Seelsorgender aber vorsichtig sein, denn nicht jede Person wünscht sich das. Jeder Mensch ist anders. Was sich aber immer zeigt, ist die Wichtigkeit der Familie. Dass sie in der letzten Phase präsent ist, ist vielleicht der grösste Halt.
Welche Aufgaben übernehmen Sie als Imam bei der Begleitung sterbender Menschen?
Ich gebe dem Sterbenden in erster Linie Raum. Vielleicht möchte er noch Dinge aus seinem Leben besprechen oder eine Schuld ablegen. Im Koran heisst es dazu: «Gerettet wird die Seele, die sich reinigt.» Für mich heisst das, man soll die Welt mit einem reinen Gewissen verlassen dürfen, man soll mit sich selbst im Reinen sein. Die letzten Momente in einem Leben sind deshalb gerade für Menschen wichtig, die in ihrem Leben diese Chance nicht wahrgenommen haben.
Wann werden Sie typischerweise gerufen?
Leider oft erst im allerletzten Moment. Beispielsweise wenn es darum geht, lebenserhaltende Apparate abzustellen oder nicht. Da möchten die medizinischen Fachpersonen Unterstützung bei der Entscheidung, weil sie nicht wissen, was genau man im Islam «darf» und was nicht. Vielfach werde ich also erst dann dazugerufen, wenn die Person nicht mehr bei Bewusstsein ist. Dort, wo wir als muslimische Seelsorgende eine ständige Präsenz haben, wie seit einiger Zeit im Universitätsspital Zürich, dort sind unsere Leute bereits in einem frühen Stadium vor Ort.
Welche Ängste begegnen Ihnen bei Sterbenden am häufigsten?
Meiner Erfahrung nach sind Ängste in den allermeisten Fällen an das Diesseits gebunden. Was passiert nach meinem Tod? Wie wird es ohne mich sein? Wird sich meine Familie zurechtfinden? Vielleicht sind offene Pläne da, die nicht mehr realisiert werden können. Eine Hochzeit, an der man hätte teilnehmen wollen. Die Geburt eines Enkelkindes. Ich habe sehr selten gesehen, dass jemand Angst hat vor dem, was auf ihn selbst zukommt. Der Glaube an Gott und daran, dass Gott einen nicht allein lässt, ist sehr stark.
Welche Rolle spielen Spiritualität und Glaube in der Schmerzbewältigung?
Der Schmerz hat eine grosse spirituelle Bedeutung. Wir glauben, dass Gott ihn uns als Befreiung gibt. Gott spricht im Koran zu Moses, er soll die Schlange, vor der er sich fürchtet, in die Hand nehmen, denn sie habe etwas Heilbringendes. So ist es auch mit dem Schmerz. Wenn man ihn annimmt, dann wird er uns befreien. Als Seelsorger muss ich aber vorsichtig sein, denn nicht jedem tut diese Nachricht gut. In der Praxis müssen wir gut hinschauen und hinhören, was es im Moment braucht. Einer Mutter, die zwei kleine Kinder hat und im Sterben liegt, muss ich das nicht zwingend sagen. Vielleicht will sie einfach bei ihren Kindern sein und nicht hören, dass Gott sie jetzt befreit. Zu viel vom gewollten Heil kann auch schaden – wie zu viele Medikamente schaden können. Bei beidem muss man auf die Dosis achten.
Was bedeutet «gutes Sterben» aus islamischer Sicht?
Ein gutes Sterben bedeutet Freiheit. Man hat alle offenen Rechnungen beglichen, ist frei und kann in Würde gehen. Zum «guten Sterben» gehört die Familie dazu, dass sie bei einem ist und man Raum hat für sie. Was es bedeutet, allein zu sein, das haben wir während Corona erlebt. Wir hatten einige Fälle, in denen die Familie nicht zu ihrem liebsten Angehörigen durfte. Das war für Patientinnen und Patienten unverständlich und machte viele wütend. Beispielsweise wurde einem Mann, der sein Leben lang das Zentrum seiner Familie gewesen war und der von seiner Frau, seinen Kindern, seinem Bruder, seiner Schwester und vielen weiteren Angehörigen verabschiedet und geehrt werden sollte, genau dies verwehrt. So konnte er nicht in Würde – wie er sie definiert – sterben.
Erleben Sie Unterschiede je nach Generation und Herkunft?
Tendenziell ist es schon so, dass bei den älteren Menschen die Traditionen eine wichtige Rolle spielen und sie sehr klar wissen, was «richtig» und «falsch» ist. Jüngere Menschen sind weniger traditionsbewusst. Sie sind offener im Umgang, sprechen die Themen Krankheit und Tod an. Da finden auch Gespräche mit den Pflegenden und den Ärztinnen und Ärzten statt. Die jüngeren muslimischen Patientinnen und Patienten sagen, was sie sich wünschen, wollen wissen, wie es um sie steht, sprechen über den Sterbeprozess. Bei der älteren Generation läuft die Kommunikation meist anders, man will sich gar nicht mit Ärzten und Pflegenden austauschen. Man wartet auf die muslimische Seelsorgerin, auf den Imam, um allenfalls mit ihm oder mit ihr über das eine oder andere Thema zu sprechen.
In den meisten muslimischen Traditionen ist es ohnehin so, dass man dem Patienten selbst gar nicht sagt, wie es um ihn steht. Oft spricht ein Angehöriger mit den medizinischen Fachpersonen und aus Wohlwollen verschweigt man dem Patienten seine Krankheit. Die Worte Tod und Krankheit spricht man nicht in Anwesenheit des Sterbenden aus. Meine Mutter sagt beispielsweise nie, «der hat Krebs». Sie sagt, «der hat das Böse». Wir alle wissen zwar, dass sie Krebs meint. Doch sie kann die tödliche Krankheit nicht benennen.
Im Universitätsspital gehören Sie zum interdisziplinären Palliative Care Team. Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit Pflegepersonal und Ärztinnen/Ärzte in den Spitälern?
Die Zusammenarbeit im interdisziplinären Palliative Care Team erlebe ich als sehr wertschätzend und professionell. Besonders am USZ arbeitet man auf der Palliativstation sehr eng zusammen, mit regelmässigem fachlichem Austausch, interdisziplinären Rapporten und gemeinsamen Fallbesprechungen. Dabei werden medizinische, psychosoziale sowie spirituell und kulturelle Aspekte gemeinsam berücksichtigt. Die Zusammenarbeit auf der Palliative Abteilung ist sehr eng und von grossem gegenseitigem Vertrauen geprägt. Trotz der Grösse des USZ kennt man sich untereinander gut, was in einem so grossen Universitätsspital keineswegs selbstverständlich ist. Demnächst soll es auch eine ständige Zusammenarbeit mit dem Stadtspital Zürich geben, das heisst, wir werden auch dort fixer Bestandteil des interdisziplinären Teams.
Aber es gibt gewiss auch Konflikte zwischen religiösen Vorstellungen und medizinischen Empfehlungen – gerade in der Palliative Care.
Ja, wir haben immer wieder Fälle, wo Angehörige medizinisch alles machen möchten, damit der Betroffene nicht stirbt. «Wer ein Menschenleben tötet, als hätte er die ganze Menschheit getötet. Wer ein Menschenleben rettet, als hätte er die ganze Menschheit gerettet.» Das ist der Grundsatz, der den unendlichen Wert jedes einzelnen Menschenlebens aufzeigt. Und deshalb will man alles daransetzen, das Leben zu retten. Wir als klinische Seelsorgerinnen und Seelsorger sind damit im Konflikt, denn in der modernen Medizin fragen wir: Was macht noch Sinn? Ist es ethisch vertretbar, jemanden künstlich am Leben zu erhalten? Solche Konfliktsituationen versuchen wir zu klären, indem wir mit den Angehörigen sprechen und ihnen aufzeigen, wie der Sachverhalt ist. Da nehmen wir eine Brückenfunktion ein. Wir sagen zwar nichts anderes als das, was der Arzt oder die Ärztin sagt. Aber wir sind Vertrauensperson für den muslimischen Patienten, kennen die islamische Ethik – und deshalb kommt die Nachricht besser an.
Und welche Botschaft möchten Sie speziell den Fachleuten der Palliative Care mitgeben?
Ich wünsche mir, dass die muslimische Seelsorge frühzeitig in die Behandlung miteinbezogen wird. Es wäre wichtig, dass wir gerade auf Palliativstationen ab und zu auf einen Rundgang gehen könnten – auch ohne, dass wir Zugang zu Patientendaten haben und fix zum Team gehören. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wenn wir vor Ort sind und einen Bezug zu muslimischen Patientinnen und Patienten herstellen können, dass dann unser Angebot geschätzt wird – und zwar von den Patienten und den palliativen Fachpersonen.
Muris Begovic ist Geschäftsleiter der QuaMS (Qualitätssicherung der Muslimischen Seelsorge in öffentlichen Institutionen). Er ist muslimischer Seelsorger, Imam und erster Armeeseelsorger mit muslimischem Hintergrund in der Schweiz. Muris Begovic ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen.