Fachtagung 2026: «Ausweichen geht nicht»
Fotos: Gaëtan Bally
Text: Bettina Weissenbrunner
«Haben Sie keine Angst vor grossen Themen, laufen Sie vor ihnen nicht davon!», appellierte Paul Hoff, Präsident der Zentralen Ethikkommission der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) als erster Redner der Fachtagung 2026 an das Publikum. «Ausweichen geht nicht.» Das Spannungsfeld zwischen Autonomie und Fürsorge bezeichnete er als eines der zentralen medizinethischen Dilemata unserer Zeit. Er zeigte in seinem Referat auf, dass Begriffe wie Autonomie, Würde, Respekt sowie Fürsorge, Pflicht und Verantwortung zwar zu den Grundwerten des Gesundheitswesens gehören, ihre Bedeutung jedoch immer wieder kritisch reflektiert und im konkreten Handeln mit Leben gefüllt werden muss.
Ausgehend von den heute breit anerkannten medizinethischen Prinzipien – Respekt vor der Autonomie, Nichtschaden, Fürsorge und Gerechtigkeit – machte Paul Hoff deutlich, dass keines dieser Prinzipien automatisch Vorrang vor den anderen hat. Ethisches Handeln bedeutet vielmehr, die unterschiedlichen Werte sorgfältig gegeneinander abzuwägen und in Balance zu bringen.
Allgemeingültige Lösungen gibt es nicht
Gerade in der Palliative Care treten Konflikte zwischen Autonomie und Fürsorge häufig auf. Allgemeingültige Lösungen gebe es nicht, betonte Paul Hoff. Vielmehr seien die Fachpersonen gefordert, Verantwortung zu übernehmen und für jede Situation individuelle Antworten zu finden. «Es gibt kein Richtig oder Falsch.» Ethische Richtlinien können Orientierung bieten, ersetzen jedoch weder das professionelle Urteil noch die persönliche Verantwortung.
Im Zentrum medizinischen Handelns steht für Paul Hoff das Miteinander. Eine tragfähige Beziehung zwischen Patientinnen/Patienten und dem medizinischen Personal, geprägt von respektvollem Dialog, gemeinsamer Entscheidungsfindung und dem Einbezug der Werte und Präferenzen der betroffenen Person, schafft die Grundlage dafür. Nur so können Autonomie und Fürsorge miteinander verbunden werden. Die notwendige Balance zwischen beiden Prinzipien müsse immer wieder neu erarbeitet werden: im direkten Austausch mit den Patientinnen und Patienten und angepasst an deren individuelle Lebenssituation.
Welche Rolle Palliative Care bei Anorexie spielt
Unter welchen Umständen ist ein palliativer Ansatz bei Anorexia nervosa gerechtfertigt? Und ist er überhaupt angebracht? Diese Fragen stellte Anna Westermair vom Institut für Biomedizinische Ethik und Medizingeschichte der Universität Zürich in ihrem Referat. Anhand von Fallbeispielen zeigte sie die ethische Spannung auf zwischen dem Respekt vor der Autonomie der Betroffenen und der Pflicht zur Fürsorge. Im Zentrum steht dabei die schwierige Frage, wann ein Behandlungsabbruch respektiert werden soll und wann lebensrettende Massnahmen unabdingbar sind.
Anna Westermair betonte, dass solche Entscheidungen keine einfache Antwort zulassen und gerade deshalb bei den Fachpersonen oft grosse Unsicherheiten auslösen. Kriterien wie Urteilsfähigkeit, Lebensqualität, Nutzen und Belastung von Zwangsmassnahmen sowie der mutmassliche Wille der Patientin oder des Patienten müssen sorgfältig gegeneinander abgewogen werden. Und so geht es auch bei diesem Thema nicht darum, ob ein Entscheid generell richtig oder falsch ist, sondern ob er im konkreten Einzelfall verantwortbar ist. Dazu braucht es breit abgestützte, kontinuierliche Entscheidungsprozesse und die Bereitschaft, Behandlungsziele immer wieder neu zu überprüfen.
Moral Distress in der Palliative Care
Nach der Pause, in der Impulse der Referierenden diskutiert und persönliche Erfahrungen geteilt wurden, nahmen Noëmi Lehmann, Pflegeexpertin Palliative Care am Stadtspital Zürich, sowie die Klinische Ethikerin Ana Rosca das Thema «Moral Distress» in den Fokus. Anhand von konkreten Fallbeispielen zeigten sie auf, wie belastend Situationen sein können, in welchen die Fachpersonen zwar klar wissen, was das Richtige zu tun wäre, sie aber nicht dazu kommen, es umzusetzen – sei es wegen sozialer Faktoren oder institutioneller Vorgaben. Moral Distress ist dabei kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Ausdruck von persönlichen Werten, die mit der Praxis in Konflikt kommen. Der Dialog zwischen den beiden Referentinnen machte sichtbar, dass Selbstreflexion wichtig ist, aber auch eine offene Teamkultur, in der solche Konflikte analysiert und gemeinsam diskutiert werden können – etwa in Form einer strukturierten und vertieften Fallbesprechung oder unter Beizug einer Ethikerin, welche beratend zu Seite steht. Doch es zeigte sich auch, dass nicht jeder Wertekonflikt lösbar ist.
Vom sicheren Hafen aufs offene Meer
Der letzte Beitrag der diesjährigen Fachtagung behandelte das Thema Transition von Jugendlichen von der Pädiatrischen Palliative Care in die Erwachsenen Versorgung. Dieser Übergang gleicht einer Reise vom sicheren Hafen aufs offene Meer. Für Jugendliche mit komplexen Erkrankungen und ihre Familien ist er einschneidend und emotional höchst herausfordernd. Anhand eines konkreten Fallbeispiels zeigten Alexandra Wattinger, Pflegeexpertin Spina Bifida und Co-Leiterin der Arbeitsgruppe Transition am Universitäts-Kinderspital, und Eva Maria Tinner, Oberärztin Pädiatrische Palliative Care, wie medizinische, soziale, rechtliche und finanzielle Herausforderungen im Transitionsprozess zu bewältigen sind. Entscheidend für eine gelingende Transition ist die frühzeitige Planung, klare Zuständigkeiten und die interdisziplinäre Zusammenarbeit aller Beteiligten. Idealerweise gäbe es auch in der Erwachsenenversorgung eine fallführende Person, die koordiniert und Ansprechperson ist, wie in der abschliessenden Podiumsdiskussion klar wurde. Die Aufgabe ist vielfältig, zumal Zeitraum der Transition, auch andere grosse Themen aktuell werden: die Volljährigkeit, der Wechsel von der Schule in eine Tagesstruktur und vielleicht auch der Umzug von zu Hause in eine Institution. Transition ist deshalb kein einzelnes Ereignis, sondern ein langer Prozess.
Die Fachtagung 2026 zeigte, dass Palliative Care vom mutigen Umgang mit Unsicherheit lebt. Wer Autonomie und Fürsorge ernst nimmt, muss bereit sein, Spannungen auszuhalten und immer wieder neu auszubalancieren. Gerade darin liegt wohl die Stärke einer Disziplin, die den Menschen in seiner ganzen Komplexität ins Zentrum des Handelns stellt.